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Interview: Diabetes und Typ F

Wie sehr beeinflusst Diabetes eigentlich unsere Beziehungen? Und welche Rolle spielt er dabei? Julia hat dazu ihre Reisepartnerin Christina befragt, die fast 4 Monate Tag und Nacht als Typ F auf einer Reise durch Südamerika live dabei war.

 

Diabetes Insights: Hallo Christina! Danke, dass du dir Zeit nimmst um ein bisschen über deine Erfahrungen während der Reise mit Julia zu sprechen. Sag mal, wie lange kennst du Julia schon?

 

Christina: Hallo! Gerne. Das ist eine gute Frage, die uns immer wieder gestellt wird und immer wieder müssen wir überlegen. Geschätzte zehn Jahre würde ich sagen.

 

Diabetes Insights: Das heißt ja praktisch du kennst Julia eigentlich nur mit Diabetes. Wie viel hast du vor der Reise davon mit bekommen?

 

Christina: Richtig, im Prinzip schon. Naja, Julia war schon immer das Mädchen, dass – egal wo wir waren – „Traubenzucker mit hatte und immer wieder mal ihre Spritze rausholte“. Wann das immer passiert ist und welche Werte etc. Julia dafür haben muss, war mir nie wirklich genau bewusst.

 

Ganz ehrlich habe ich mich, vor allem in der ersten Zeit als ich sie kennen gelernt habe, nie so richtig damit auseinander gesetzt. Immer wieder hat sie jemand oder habe ich sie danach gefragt. Aber dadurch, dass ich immer das Gefühl hatte, sie hat alles wunderbar unter Kontrolle, fühlte ich mich auch nicht so wirklich verantwortlich.

 

Diabetes Insights: Und wie hat sich dein Wissen über das Leben mit Typ 1 Diabetes verändert?

 

Christina: Sehr stark!! Ich registriere jetzt WANN braucht Julia WELCHE Spritze brauchte. Ich bemerkte erstmals bewusst, dass es überhaupt unterschiedliche Spritzen gibt -eine Spritze für die Morgen- und Nachtinsulindosen, eine für untertags und die Notfallspritze. Mir fällt es jetzt schwer, überhaupt an alles Neu gelernte zu denken – weil es lustigerweise für mich jetzt auch schon so zur Normalität geworden ist. Ich weiß jetzt, welche Werte „normal“ sind – und welche auch nur für Julia normal sind, nicht nur für Menschen ohne Diabetes. Ich habe gelernt, wann Julia untertags ihr Insulin spritzt und bei welchen Werten, vor jedem Essen. Bewusst bin ich mir jetzt auch über das eigene Nachkontrollieren mit einer Blutzuckermessung, wenn der Sensor scheinbar Falsches anzeigt und kalibriert gehört, sowie über den Zusammenhang von Sport und Diabetes. Der wöchentliche Sensorwechsel wurde zur Routine, obwohl ich nicht so gern hingesehen habe…

 

Auch der Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2 war mir nie so bewusst wie jetzt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diabetes Insights: Julia und du haben ja 4 Monate fast durchgehend Zeit miteinander verbracht. Wie viel hat der Diabetes dabei eine Rolle gespielt?

 

Christina: Diabetes war für mich früher eine Krankheit, wo ich nur dachte „Julia hat das, genau kenne ich mich nicht aus aber ich weiß, dass damit gut umgeht“. Durch die Reise wurde mir ganz bewusst, dass es eine Sache ist, die Julia immer begleitet und begleiten wird - ständig: Tag und Nacht, zu jeder Zeit, an jedem Ort, egal in welcher Gefühlslage sie ist. Ich habe deswegen einen komplett anderen Zugang dazu bekommen und nehme alles Drumherum viel bewusster wahr.

 

Ich selbst habe Nahrungsunverträglichkeiten und Julia prüfte für mich immer die Speisekarte mit – und ich wusste was Sache war, wenn Julia in die Tasche nach einem Traubenzucker griff und dazu sagte: „Mir ist schwindlich“. Wenn man dreieinhalb Monate 24/7 mit einem Menschen zusammen den Alltag verbringt, wurde Diabetes sozusagen auch ein Teil meines eigenen Alltags

 

Diabetes Insights: … hat’s dich manchmal genervt?

 

Christina: Klar, ehrlich gesagt schon. Wenn Julia zum Beispiel einen niedrigen Wert von zirka 65 hatte und (klar, auch aus Panik und Angst) in kurzer Zeit so viele Traubenzucker oder Gummibärchen aß, dass der Zucker danach sehr hoch war und sie wieder spritzen musste. Das war auch manchmal in der Nacht, damit sie dann leider auch selbst nicht gut schlafen konnte. Aber dazu ist zu sagen, dass man als außenstehender Mensch oft denkt, dass man die Sachen in der Situation selbst anders oder „besser“ lösen würde. Julia hat Diabetes seit sie in die Unterstufe geht und geht mit ihrer Krankheit so gut um und vor allem – sie ist zufrieden und das ist das allerallerwichtigste.

Manchmal hat sie aber auch gejammert, dass ihr Blutzucker so hoch/so niedrig/so schwankend ist. Und das hat manchmal auch genervt. Aber ich weiß, dass sie es selbst einfach auch manchmal nervt. Und das ist klar!! Es ist immerhin immer noch eine Krankheit. Und Julia lernt für sich selbst auch immer wieder Neues dazu. Und etwas „perfekt“ zu machen, ist ja in diesem Fall vielleicht (so sagt Julia selbst und das finde ich auch) nicht einmal erstrebenswert, denn klar – man kann quasi alles „perfekt“ machen, sich nichts gönnen, immer richtig viel spritzen … Aber kann man dann das Leben genießen?

 

Diabetes Insights: Möchtest du abschließend noch etwas sagen?

 

Christina: Ich bin wahnsinnig stolz auf Julia, dass sie sich von Diabetes und allem Drumherum nicht unterkriegen lässt – und auf der Reise so wunderbar damit umgegangen ist.

Ich habe auf jeden Fall soviel für mich selbst dazu gelernt und – Diabetes und alle damit verbundenen Höhen und Tiefen haben mit Sicherheit auch zu unserer jetzt noch tieferen Freundschaft beigetragen.

 

 

 

Diabetes Insights:  Vielen Dank für das Interview!

Kommentare: 2
  • #2

    Sara (Donnerstag, 25 Januar 2018 20:18)

    Liebe Martina! Typ F steht für FreundInnen und Familie :)

  • #1

    Martina Taufner (Mittwoch, 24 Januar 2018 13:08)

    Hallo, wie mich das freut per Zufall dein Bericht gelesen zu haben !! Sehr wertvoll und wie schön das Verständnis und die Schätzung du gefunden hast für deine Freundin und auch Diabetes �wünsche euch das eure Freundschaft ewig bestehen bleibt✊herzlichst alles Liebe und gute für euch vor allem gesund bleiben ✊✊✊���
    Eine Frage:
    Was ist diab."F" ? ....LG. Martina