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Teil 1: #Interview: Diabetologin & Diabetikerin seit 47 Jahren

DiabetologInnen, die selbst Diabetes haben - das ist ein Wunsch vieler Menschen mit Diabetes. Doch was bedeutet es konkret, wenn die behandelnde Ärztin selbst seit vielen Jahren mit Diabetes lebt? Wir haben Frau Dr. Kurzemann getroffen für ein sehr persönliches Interview in ihrer Praxis getroffen. Hier ist der 1. Teil des Interviews:

 

Herzlich Willkommen Frau Dr. Kurzemann! Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben mit mir über Ihre Erfahrungen als Diabetologin und Typ 1 Diabetikerin zu sprechen 

Wollen Sie vielleicht kurz etwas zu ihrer eigenen Diagnose und ihrer Person erzählen?

 

Ich heiße Susanne Kurzemann. Meine Mutter meinte, dass ich bei meiner Diagnose mit 10 Jahren entschieden habe, Medizin zu studieren um etwas zu verbessern. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist. Diabetes habe ich inzwischen seit 47 Jahren. Im Laufe der Jahre habe ich Patienten mit gleicher Diabetesdauer und gleichem Alter verloren. Nach 31 Jahren Diabetes habe ich eine gesunde Tochter auf die Welt gebracht, die aktuell 16 Jahre alt ist. Wenn man diagnostiziert wird, kommt man ganz plötzlich aus subjektiv voller Gesundheit in den Zustand ewiger Krankheit. Nach ca. 17 Jahren im „diabetologischen Mittelalter“ mit Glas-Metall-Spritzen und Nadeln, die nach zwei Mal Auskochen Widerhaken hatten, war die FIT-Therapie für mich eine Befreiung.

 

Ich kann mich erinnern, dass Sie in ihrem Vortrag (Anm.: im Rahmen meiner Reha im August 2017) erwähnt haben, dass Sie 3 verschiedene Insuline verwenden. Wollen Sie vielleicht kurz Ihre eigene Therapieform beschreiben?

 

Ja, das ist richtig. Morgens verwende ich ein ultralanges, sehr flach wirksames Insulin (z.B. Lantus oder Tresiba). Ich bin jemand, der von 3-6 Uhr morgens einen Blutzuckeranstieg hat, auch wenn ich normal schlafen gehe. Diesen Anstieg fange ich mit einem NPH-Insulin (z.B. Humaninsulin Basal, Insulatard oder InsumanBasal) ab. Das spritze ich spätabends, damit verschiebe ich das Wirkungsmaximum genau in die Zeit des Dawn-Phänomens. Ab ca. 3 Uhr morgens steigt der Blutzucker an, weil die Leber anfängt zu arbeiten und Stärke in Glukose umwandelt. Das ist zwar ein bisschen altmodisch, funktioniert aber beim Einhalten der Regeln gut. Man ist zeitlich mit dem abendlichen Basalinsulin einige Stunden flexibel und hat meist schöne Nüchternwerte. Nächtliche Hypoglykämien müssen vorher ausgeschlossen werden!

Für Patienten, die ihre Nüchternwerte nicht in den Griff bekommen ist eine Insulinpumpe aber vermutlich eine der besten Optionen.

 

Und wie ist im Kontrast dazu Ihre Meinung zu Closed Loop?

 

Ich habe noch nichts gesehen, das ich haben will. Ich bin da wahrscheinlich auch anders. Es gibt natürlich unter den jungen Menschen, die mit Handys und Devices aufwachsen, viele, die Dinge einfach per Knopfdruck steuern können. Ich will nichts am Körper haben und noch ist das mit der Closed Loop ja nicht wirklich „Closed“. Momentan kann man toll kontinuierlich messen und Phänomene sehen, die wir zuvor nicht sehen konnten.  Der Knackpunkt bei allen Apps und Programmen ist aber immer noch das Essen. Noch haben wir kein Gerät, dass wirklich weiß, was man zuführt und wie viel. Ich kann mich erinnern, dass ich auf einem Kongress einmal mit einem Vertreter gestritten habe, der eine App entwickelt hatte, bei der man einfach „Banana Snack„ eingeben konnte. Da habe ich ihn gefragt: „Wie groß und wie reif ist denn die Banane? Und wie ist der Ausgangswert?“ Dass so etwas ausreichend genau funktioniert, sehe ich noch nicht.

 

Das Kohlenhydratabschätzen ist eines der größten Knackpunkte für mich persönlich, besonders wenn man viel unterwegs ist. 

 

Ich sage meinen Patienten immer: Wiegen Sie einmal im halben Jahr nach. Das Essen anschauen, schätzen und schauen, ob man richtig liegt. Das Fingerspitzengefühl verändert sich im Laufe der Zeit. Als Beispiel: wenn die Brotscheibe 2mm dicker ist und 4mm mehr Durchmesser hat, dann hat sie eine BE (=Broteinheit) mehr und bei 3 Scheiben und einem Faktor von 2 Insulineinheiten/BE sind es dann 6 Einheiten, die fehlen. Neulich habe ich in einem Delikatessen-Laden ein fantastisches Bio-Brot gefunden und mich nach den Inhaltsstoffen erkundigt. Was war dabei? Ahornsirup, Honig, noch ein Sirup? Wie soll man das dann abschätzen? 

Ich will nicht, dass mein Leben perfekt durchorganisiert ist, darum mache ich eine flexible funktionelle Insulintherapie mit Pens. Ich bin nicht dafür, ständig zu wiegen, aber meiner Einschätzung nach muss man am Ball bleiben. Man darf die Übung nicht verlieren. Von mir aus können Sie ihr Brot ja auch in einer App fotografieren, aber der enthaltene Honig ist dann nicht berücksichtigt! 

 

Was war ihre persönlich größte Herausforderung in ihrem Leben mit Typ 1 Diabetes?

 

Ich hatte eine kumulierte Belastungssituation. Ich habe Vollzeit an 4 verschiedenen Orten/ Woche gearbeitet. Von Anfang an war ich alleinerziehend und hatte die Verwandtschaft 700 km entfernt. Es gab familiäre Schwierigkeiten und viel Stress.      

 

Ein einprägsames Beispiel vielleicht: Ich wollte meinem Kind Rituale mitgeben – dazu gehörte auch Weihnachten. 3 Tage vor der Abreise mußte ich die Praxis komplett ohne meine erkrankte Krankenschwester mit über 50 Patienten pro Tag führen. Am 23.12. fuhr ich mit dem Kind nach Vorarlberg zu meiner Mutter. Ich ließ dann am Heiligen Abend eine beschichtete Pfanne auf einer heißen Herdplatte stehen  und ging kurz ins Bad. Danach gab‘s einen massiven Gestank und giftige Dämpfe im ganzen Haus. Ich musste also meine demente Mutter daran hindern die Fenster zu schließen, mein kleines Kind betreuen, die Bescherung durch das Christkind organisieren, kochen und so weiter. Und dann waren alle endlich im Bett. Ich saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Die Erschöpfung war riesig. Den Insulinpen hatte ich neben mir in der Handtasche- ich hätte nicht einmal aufstehen müssen, um ihn zu erreichen. Ich habe die Keksdose einfach leergegessen, also ca. 15 Broteinheiten, ohne zu spritzen! Am nächsten Morgen wurde ich in die Notaufnahme des Krankenhauses gebracht. Dort fragte mich ein Kollege bei der Visite, ob ich mich nicht generiere, mich Diabetologin zu nennen. Ein junger Assistenzarzt in der hinteren Reihe meinte: „Vielleicht bräuchte sie eher einen Psychologen“. Das war nicht ganz falsch. Die Gesamtsituation hatte mich völlig überfordert und war die Ursache für mein falsches Verhalten. 

 

Wie haben Sie es wieder rausgeschafft aus der Krise?

 

Ein Hauptpunkt war, dass ich vorübergehend ein Antidepressivum geschluckt habe. Wenn man alleinerziehend, verschuldet ist und kranke Eltern hat, dann ist es einfach zu viel. Ich hab mich hingesetzt und mir eine Tabelle mit 2 Spalten gemacht und notiert, was wirklich wichtig ist und was nicht. Ich sag immer den Leuten: „Streichen Sie nicht Dinge, die ihnen gut tun, auch wenn sie vermeintlich überflüssig sind.“ Beispiel: ich muss kein gutes Buch lesen um zu überleben, aber wenn ich mir die Zeit dafür  nicht mehr nehmen kann, dann bin ich sehr unzufrieden. 

„Löcher undisziplinierter Phasen“ kommen in jedem Diabetikerleben vor. Man ist keine Maschine und oft ist es so, dass viele Dinge zusammen kommen. In solchen Situation  soll man sich unbedingt rechtzeitig Hilfe suchen!

 

Weiter geht es schon bald mit dem Teil 2 des Interviews mit Frau Dr. Kurzemann über die Arbeit als Diabetologin und den Einfluss ihres eigenen Diabetes...

 

 

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