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Teil 2: #Interview: Diabetiker und Extremsportler Geri Winkler

Quelle: www.winklerworld.net
Quelle: www.winklerworld.net

In Teil 1 unseres Gesprächs mit Geri Winkler - Extremsportler und Reisender, hat er uns über seine Diagnose erzählt und über verschiedene Therapieformen mit uns gesprochen. In Teil 2 hat er uns über seine Reise zum Mount Everest erzählt und mit welchen Schwierigkeiten er konfrontiert war. 

Diabetes Insights: Kommen wir zu deinem spannendsten Projekt: vom tiefsten zum höchsten Punkt der Erde. Wie ist das damals abgelaufen? 

Geri Winkler: Also ich würde sagen, ich bin kein besonders guter Bergsteiger, aber ich bin ein ganz guter Reisender. Damals hatte ich schon ein paar 7000er bestiegen und dann kam die Idee. Die Pharmaindustrie hatte mich auch schon in der Antarktis gesponsert. (Anm.: Internationale Expedition zum Mount Vinson). Die Idee zur Everest Tour ist mir schon in den 1990ern gekommen, damals ist Göran Kropp mit dem Fahrrad von Schweden zur Mount Everest Besteigung gefahren. Der Mount Everest hat mich schon immer angesprochen und nachdem ich an der Sisha Pangma in Tibet wetterbedingt abbrechen musste und ich dann auch an Krebs erkrankt bin, habe ich den Arzt nach der OP als erstes gefragt: "Wann kann ich auf den Everest?"

Dann hat alles seinen Lauf genommen: nach einem Jahr war ich wieder fit und hatte innerhalb von einem Monat durch Unterstützung von verschiedenen Pharmaunternehmen das Geld zusammen. Nachdem es dann eine Pressekonferenz in München gegeben hat, war klar: jetzt musst du es tun! 

Diabetes Insights: Wie ging es dann weiter?

Geri Winkler: ich hab mir dann ein One-Way Flugticket nach Amman gekauft. Man fährt dann einfach. Du darfst dir nicht überlegen, welches Projekt du da vor dir hast, sondern ich habe immer nur einen Tag vor Augen gehabt, das was ich heute schaffen will. Zu Beginn habe ich nur kurze Distanzen geschafft, aber schon nach wenigen Tagen war mein Tagesschnitt deutlich über 100 Kilometer.

Diabetes Insights: Wie hat sich die Reise mit so viel (Diabetes) Gepäck gestaltet? 

Geri Winkler: Bei der Radtour hatte ich 25 Kilogramm an Gepäck. Da fängt man bei Steigungen viel früher zu schieben an, als wenn du ohne Gewicht fährst. Das Diabetes Gepäck war nicht so schlimm: ich hatte 85 Ampullen (Lantus und Novo Rapid) und über 2000 Teststreifen mit. Als Testgerät hatte ich damals den Ascensia DEX 2 mit, der leider nicht mehr hergestellt wird. Für die 85 Ampullen hatte ich aber auch nur 85 Pennadeln mit, beim Wechseln der Nadeln und Lanzetten bin ich nicht sehr genau. Ketonstreifen nehme ich nur auf Expeditionen mit, auf normale Reisen nicht. Mit der Pumpe ist das dort schwierig: wenn etwas nicht stimmt, ist man von der nächsten Zivilisation schon weiter weg. Ich kann mir auch nicht vorstellen mit Pumpe und CGMS zu reisen, ohne mein Gepäck unheimlich aufzublasen, vor allem bei Expeditionen ist das nicht möglich. ....Als ich nach meiner Diagnose nach Westafrika, Elfenbeinküste und Burkina Faso gereist bin, hatte ich eine große Kühltasche mit, die das Insulin genau 12 Stunden gekühlt hat. Danach hatte ich für den Rest der Reise weder Zugang zu Strom noch zu Kühlschränken und das Insulin musste ungekühlt bleiben, was aber kein Problem war. Danach habe ich mein Insulin auf Reisen nie wieder gekühlt.

Diabetes Insights: Gab es mal eine brenzlige Situation für dich? 

Geri Winkler: In Situationen, in denen es gefährlich werden könnte, nehme ich nur eine Ampulle und eine Einmalspritze mit, keine Kamera, wenig Geld, nichts Wertvolles, das mir später fehlen könnte. In Bangui, Zentralafrikanische Republik, habe ich täglich mehrmals in eine Kalaschnikow geblickt. Das ist ein echt heißes Pflaster, aber interessieren tut es mich trotzdem. In den Ländern, die ich durchreist habe, gab es keine Probleme. Auch Syrien war damals kein Problem, jetzt ist halt Krieg dort. In Pakistan ist die Polizei immer um dich und will dich beschützen, was aber eher lästig ist. Vier Tage mussten wir die Polizei-Eskorte erdulden, dann konnten wir sie wieder loswerden. (Anm.: Geri Winkler war zeitweise mit einem Freund aus Deutschland unterwegs) 

Diabetes Insights: Und wie ging es dir beim Aufstieg auf den Everest? 

Geri Winkler: Da wirds dann schon ein wenig haarig mit den hohen Werten. Es kann schon mal vorkommen, dass ich über 300 mg/dl habe, aber nach der Rückkehr vom Gipfel hatte ich auf dem Südsattel in 8000 Metern Höhe einen Wert von mehr als 500 mg/dl, sowas kommt normalerweise nicht vor. Die Sauerstoffarmut in der Höhe führt zu anaerober Bewegung und diese zur Erhöhung der BZ-Werte. Das fühlt sich nicht so gut an, besonders beim Sport. Ich hatte diesen Wert aber nur kurz. Aber was opfert man nicht, wenn man den Gipfel des Mount Everest erreichen möchte? Am besten sind beim Sport für mich Blutzuckerwerte bis 200 mg/dl um die beste Leistung zu erbringen. Das kommt aber ganz auf die Sportart an. 

Diabetes Insights: Wie gehst du mit deiner Ernährung und dem Blutzucker beim Reisen um? 

Geri Winkler: Ich schaue schon auf meinen Blutzucker, aber ich glaube die größten Schnitzer hatte ich eher, wenn ich zu Hause war, auf Parties zum Beispiel. Bei Expeditionen ernähre ich mich wie jeder andere dort auch. Das einzige was ich anders mache ist, dass ich mir Kandisin in den Kaffee gebe. Es geht aber auch nicht anders, wenn man mit dem Rad durch ein belutschisches Dorf fährt, gibt es dort nichts anderes als Fladenbrot und scharfe Soße. Ich hatte auf der Radtour 96 Plättchen Traubenzucker mit und habe 96 Plättchen Traubenzucker wieder mit nach Hause gebracht, obwohl ich auf der Radtour 234 Hypos hatte, die ich aber lieber mit lokalen Keksen als mit Traubenzucker bekämpfte. Auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest habe ich dann die Power Gels verwendet. Traubenzucker habe ich natürlich immer mit, aber das Liebste bei einem Hypo sind mir Mannerschnitten. Während der Tour habe ich sehr viel nach Körpergefühl gegessen. Ich wusste, dass mein Blutzucker gegen 11 Uhr runter geht, dann hab ich mich halt ganz gemütlich auf den Straßenrand mit meinen Keksen gesetzt und die Autos sind stehen geblieben und die Leute haben mich gefragt, ob ich noch etwas essen möchte. 

Diabetes Insights: Was wird dich in nächster Zeit antreiben? 

Geri Winkler: Ich werde mich jetzt mal von einer OP am Bein erholen und dann auf Rehab fahren. Nächstes Jahr darf meine Frau entscheiden, wohin wir fahren, da sie bei den letzten 11 Ländern viel Rücksicht auf mich genommen hat. (Anm.: Geri Winkler haben vor einigen Jahren noch genau 11 Länder gefehlt, um alle Staaten der Erde bereist zu haben). Wahrscheinlich fliegen wir nach Südamerika oder Südasien, mal sehen.  

Diabetes Insights: Lieber Geri, wir danken dir vielmals für das Gespräch! 


Die Eckdaten zu Geris Everest Tour

15.10.2005 - 14.2.2006: Radtour vom Toten Meer nach Jiri in Nepal, wo die Straße endet (8068 km)

 

17.2.2006.-29.3.2006: Wanderung in die Everest-Region + Akklimatisationstouren (ca. 300km, solo)

 

29.3.2006 - 28.5.2006: Zusammentreffen mit der Expedition, Wanderung ins Basislager (29.3.2006 - 10..4.2006), Besteigung des Mount Everest und Rückkehr in die Zivilisation (10.4. - 28. 5. 2006)


Auf der Homepage von Geri und seiner Frau Sylvia könnt ihr mehr über deren Abenteuer nachlesen: www.winklerworld.net

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