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Teil 2: #Interview: Diabetologin & Diabetikerin seit 47 Jahren

Hier ist die Fortsetzung unseres sehr persönlichen Interviews mit Frau Dr. Kurzemann. In diesem Teil sprechen wir darüber inwieweit ihre eigene Diabeteserkrankung ihre Arbeit und Erfahrungen als Diabetologin beeinflusst.

 

Den 1. Teil findet ihr noch einmal hier zum Nachlesen.

 

Inwieweit hat ihre eigene Erkrankung ihren Wunsch bestärkt als Diabetesärztin zu arbeiten?

 

Ich war 10 bei der Diagnose und erinnere mich selbst überhaupt nicht. Aber meine Mutter hat behauptet, dass meine eigene Erkrankung der Grund für meine Entscheidung war. Ich bin damals von Vorarlberg nach Wien fürs Studium und habe mir hier einen Diabetologen gesucht. Dann habe ich einen Arzt gefunden, der eine Betroffene auf der Station haben wollte und so habe ich eine Stelle bekommen.

 

Denken Sie, dass Sie anders arbeiten als andere Diabetologen?

 

Ja sicher. Wobei ich meinen Patienten immer sage, dass man das meinen Kollegen logischerweise nicht zum Vorwurf machen kann. Mein Vorteil ist nicht deren Fehler. Manchmal ist es auch fast besser distanzierter zu sein. Den Fehler habe ich anfangs gemacht - ich habe zu sehr von meinen Patienten auf mich selbst geschlossen und umgekehrt.

 

Es ist übrigens schwer herauszufinden, was PatientInnen in ihrem Alltag wollen und was nicht. Ich kann als Arzt leider auch nicht alles riechen. Als Ärztin habe ich ohnehin Schweigepflicht - auch bei Problemen, die vielleicht sehr unangenehm sind. Ich kann leider nicht jedes Mal 100 Punkte abfragen. Ich weiß, dass ich beim Thema Sexualität öfter konsequenter sein sollte. Vor allem Frauen reden meistens nicht darüber und es fällt ihnen vor allem schwer, da eine Schlussfolgerung zu ziehen. Da sind wir letztendlich wieder beim Thema „Kommunikation“ und Zeit.

 

Haben Sie das Gefühl, dass Patienten sich eher selbst betroffene Ärzte suchen?

 

Ich hatte eine einzige Patientin, die nicht mehr kommen wollte, weil es ihr unangenehm war. Die war damals kurz vor der Erblindung. Das ist 25 Jahre her. Meine Interpretation ist, dass ich damals das personifizierte Beispiel dafür war, wie es bei ihr hätte laufen können. Viele empfinden es aber auf jeden Fall es als subjektiv positiv, auch wenn ich natürlich objektiv keinesfalls besser bin als meine KollegInnen. Vielleicht kenne ich ein paar Alltagssituationen besser?!

 

Denken Sie, dass sie strenger oder weniger streng sind als andere DiabetologInnen?

 

Ich bin generell pädagogisch etwas altmodisch. Die Diabetesschulung ist für die spätere Selbstständigkeit und Prognose der Patienten extrem wichtig . Ich frage daher auch gerne Wissen ab bei Schulungen. Da geht es nicht darum, Menschen bloß zu stellen, sondern zu schauen, ob sie alles verstanden haben, was man vorgetragen hat. Ich merke oft, dass viele nicht einmal die eigenen Therapieregeln kennen.

 

Man muss auch wissen, dass Patienten naturgemäß eigentlich den Wunsch haben, gesund zu sein. Ich erinnere mich an die Messuhr, die alle haben wollten und die nur bei 30% und bei denen sogar schlecht funktioniert hat. Genauso ist es bei Pumpen oder Sensoren. Das jeweilige Ding allein hilft nicht. Man kann da sogar viel falsch machen. Wenn Sie z.B. zu früh korrigieren. Da hatte ich eine Patientin, die in der Bewusstlosigkeit gelandet ist, weil sie die Korrekturregel mißachtet hatte, konkret den Mindestabstand zwischen zwei Korrekturen.

 

Um wieder Bezug zu Ihrem Vortrag herzustellen. Wie behandeln Sie das Thema Sexualität und Schwangerschaft in ihrer täglichen Arbeit?

 

Ich verknüpfe sehr ungern das Thema Sexualität mit Schwangerschaft. Die Schwangerschaft ist eine Zeit in der Patientinnen besonders streng sein müssen, aber auch höchst motiviert sind, da sie wissen dass sie es für zwei tun. Und was sie da versäumen, können sie eventuell nicht mehr rückgängig machen. Ich habe immer gern mit Schwangeren zusammen gearbeitet, da sie sehr genau sind. Das hören Patientinnen dann oft später nicht gern, wenn es weniger gut läuft und ich sie erinnere, wie gut sie ihre Werte in der Schwangerschaft im Griff hatten.

 

Die Sexualität ist etwas Anderes. Habe ich Spätschäden und wie wirkt sich der Blutzucker kurzfristig oder langfristig aus? Das sind entscheidende Themen.

 

Ich hatte das Glück, dass der Vater meiner Tochter selbst Arzt war. Er hat das Thema wirklich locker genommen. Aber wer hat das Glück schon? Der Partner sollte unbedingt aufgeklärt sein, denn man kennt ja oft nicht die Ängste des anderen, die er vielleicht gar nicht haben müsste. Bei mir geht es im Bett immer darum, dass ein Hypo vor allem anderen auf der Welt geht. Wenn ein Hypo auftritt, muss der sofort korrigiert werden und da werde ich auch böse, wenn ich Geschichten höre, dass manche Patienten das anders handhaben wollen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Orgasmusfähigkeit bei Unter- und Überzuckerungen herabgesetzt ist. Wenn man jedoch darauf achtet in einem mittleren Bereich zu sein, dann hat man es fein!

 

Was ist die größte Herausforderung in Ihrer Arbeit als Diabetologin?

 

Die größte Herausforderung ist, dass es nie aufhört. Eigentlich ist die Aufgabe des Diabetologen, den Patienten jedes Mal zu motivieren, damit er am Ball bleibt. Da ist er einmal gut eingestellt und dann kommt er zum nächsten Kontrolltermin und erzählt von 3 Feiern und der Erdbeer- und Traubensaison. Und dann fängt man wieder von vorne an und das ist manchmal schon anstrengend und frustrierend für beide!

 

Gibt es etwas, das sie an Patienten nervt?

 

Das ist sehr individuell. Überwiegend verstehe ich mich mit meinen Patienten gut, teilweise sehr gut. Ein paar gibt es, mit denen es mir schwer fällt, aber da nehme ich mich zusammen und mache das Notwendige. Einmal kam eine junge Frau, die wollte ein Schreiben für das Bundesozialamt, weil sie so wahnsinnig viele Hypos hatte. Ich meinte darauf hin, dass sie nicht einen erhöhten Behinderungsgrad beantragen, sondern lieber ihre Hypos reduzieren sollte. Da ist sie aufgestanden und gegangen. Ich weiß ja selber wie anstrengend und Scheiße das manchmal ist - das ständige Protokollieren und immer wieder aufraffen und da bewundere ich viele Leute, die langfristig durchhalten.

 

Dokumentieren Sie selbst ihre Blutzuckerwerte?

 

Ja teilweise schon, aber dann wechsle ich die Handtasche und hab mein Büchlein wieder nicht dabei. Seit ich jedoch Spätschaden habe, bin ich gerade extra motiviert. Ich analysiere sehr viel im Kopf, das reicht aber nicht; wenn der Arzt einem helfen soll, braucht er Werte- egal ob handschriftlich, auf dem Messgerät oder auf dem Handy.

 

Haben Sie Ratschläge für Ihre Kollegen?

 

Nein, das braucht meine Kollegenschaft nicht! Ein Kollege meinte einmal, jeder Arzt habe seine Klientel. Da gibt es Patienten, die alles vorgegeben haben wollen, manche wollen „komplette Freiheit“, andere wollen komplementär-medizinische Methoden anwenden. Wenn jemand an Komplementärmedizin glaubt, akzeptiere ich das natürlich. Einmal war eine Patientin bei einem Homöopathen, der ihr Insulin reduziert hat. Dann kam die Patientin wieder und gab mit ihren neuen Werten an, aber das HbA1c war deutlich höher. Das war ein bedenklicher Einzelfall.

 

Es gibt viele tolle Kollegen, die selbst nicht Diabetiker sind, aber hohe soziale Kompetenz und viel Fachwissen besitzen! Es wäre anmaßend, denen Ratschläge geben zu wollen.

 

Wie glauben Sie wird die Diabetestherapie in 10 Jahren aussehen?

 

Ich war immer dafür, mit dem gut umzugehen, was wir zur Verfügung haben. Es tut sich viel in der Diabetologie. Das ist für Laien oft nicht direkt ersichtlich. Manchmal zeige ich Patienten Kongressbücher mit Studien, um deutlich zu machen, wie viel zum Thema Diabetes geforscht wird. Ich glaube, dass die Gentherapie in ferner Zukunft Therapieoptionen bieten könnte. Inzwischen wird es immer bessere CGM (Continous Glucose Monitoring)-Systeme geben bis hin zum anwendbaren Closed Loop. Bei den ersten Pumpen denke, die ich gesehen habe, musste man die Batterie bei einem Alarm herausnehmen um ihn abzustellen. Da hat sich viel getan in 30 Jahren.

 

Es ist aber gefährlich, auf Dinge zu warten, die irgendwann vielleicht kommen- und bis dahin nichts zu tun. In der Zwischenzeit müssen wir mit dem umgehen, was wir haben (und nebenbei auch finanziert bekommen!)

 

Denken Sie, dass es auch bessere Insuline geben wird?

 

Ich bin immer etwas verärgert, dass alle so toll über die ultralangen flachen Insuline sprechen. Damit kann man nichts machen bei einem Dawn-Phänomen. Klar wollen alle Hypos in der Nacht vermeiden, aber ich will gleichzeitig keine erhöhten Nüchternwerte. Unsere Insuline sind gut und ich glaube nicht, dass alle neuen Insuline so viel besser sind, wie sie teurer sind. Die neuen Insuline der Zukunft werden aber wohl genetisch und chemisch verändert sein und zum Teil völlig andere Eigenschaften haben- möglicherweise Substanzen, die den Zucker regulieren ohne Insulin zu sein.

 

Was möchten Sie abschließend anderen auf den Weg mitgeben?

 

Mir ist wichtig, dass sich Diabetiker nicht als Menschen 2. Klasse sehen, denn das sind sie nicht. Einmal meinte eine Patientin zu mir, sie fühle sich so „insuffizient“ (wörtlich:ungenügend). Und ich antwortete: „Also bin ich das auch?“. Sie war entsetzt, weil sie diese Parallele nicht bedacht hatte.

 

„Wenn Sie das gleiche wie ein Nicht-Diabetiker erreichen wollen, müssen sie umso mehr dafür machen. Sie sind daher nicht insuffizient, sondern einfach super“, habe ich ihr gesagt.

 

Außerdem sollten sich Betroffene Hilfe holen, denn jeder hat manchmal Durchhänger bei dem Urteil „Lebenslang“ – das ist klar. Suchen Sie sich einen Arzt, mit dem Sie gut reden können und lassen Sie nicht locker!

 

Und ganz generell: wer mich mit dem Diabetes (oder einer anderen Erkrankung) nicht will, der ist mich auch nicht wert.

 

Ein schöner letzter Satz. Vielen Dank für das Interview und alles Gute!

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